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Wozu Diagnosen? Teil 2: Die Diagnose als Metapher

Aktualisiert: 21. Dez. 2023


Diagnosen sind nicht nur richtig oder falsch. Sie sind auch Metaphern, mit denen wir uns selbst begreifen. Wir verhalten uns zu ihnen, nehmen sie an oder lehnen sie ab. Wir haben freundliche oder feindliche oder ambivalente Verhältnisse zu ihnen. Diagnosen als Metapher kann man in der Therapie nutzen. Man kann etwa mit Depressionen sprechen oder Ängste in den Urlaub schicken.




Diagnosen sind oftmals weniger Teil der Lösung als vielmehr Teil des Problems (siehe auch Diagnosen Teil I). Sie sagen wenig über die Ursache eines Problems aus und geben auch kaum einen Rat, wie man dem Problem beikommen kann. Stattdessen können sie dazu verführen, sich an Symptomen aufzureiben oder Probleme sozialer Systeme einzelnen Personen zuzuschreiben. Konzentriert man sich in der Arbeit mit Klienten auf eine Diagnose, so läuft man Gefahr, die Diagnose nur zu verfestigen.


Diagnosen kommen mit Klienten zur Tür herein


Dennoch kommt man an Diagnosen nicht vorbei, selbst dann, wenn man außerhalb des Kassensystems arbeitet. Diagnosen sind etwas, das die Menschen mit zur Tür hereinbringen. Sie sprechen etwa von Depression und Burnout, von Ängsten oder Panik. Diagnosen sind schon immer da. In einer Art Schleife kommen sie über öffentliche Diskurse durch die Hintertür hinein (Hacking 1996). Sie kommen als vage Diagnosen, Selbstdiagnosen, als vom Psychiater gestellte Diagnosen oder hausärztliche Verdachtsdiagnosen, als vom Partner vorwurfsvoll gestellte Diagnosen oder als Hilferuf von Eltern.


Die mitgebrachten Diagnosen sind häufig nicht besonders präzise. Doch das ist auch nicht weiter schlimm. Vielleicht ist sogar gerade die Selbstdiagnose die sinnvollste und beste Diagnose,, die sich finden lässt. Denn durch die Vielzahl medial frei flottierender Diagnosen, werden Probleme benennbar: Menschen sind in der Lage, ihrem Leid einen Namen zu geben. Sie können sagen: "Ich bin depressiv", "ich leide an Burnout" oder "vielleicht habe ich Panikattacken".


Die vage Selbstdiagnostik, so könnte man argumentieren, ist nun alles andere als eine korrekte psychologische Diagnostik, die nur mit den entsprechenden Tools gestellt werden kann. Das ist korrekt. Doch darum geht es auch gar nicht -abgesehen von der Frage, ob eine wirklich präzise Diagnostik im Bereich des seelischen überhaupt möglich ist (Finzen 2011, 117ff, beschreibt sehr schön, dass man praktisch jede Symptomkombination auch anders diagnostizieren könnte). Es geht darum, etwas besprechbar zu machen, das zuvor im Bereich des Unaussprechlichen lag. Wenn ich sage "Ich glaube, ich bin depressiv", so wird ein Leid artikuliert, das vorher nicht artikuliert werden konnte. Ob der Begriff dann eine F32.2 oder eine F33.1 ist, ist gar nicht so wichtig.


Die (Selbst-)Diagnose bekommt damit auch einen anderen Status als die Diagnose als Resultat eines standardisierten Verfahrens. Sie ist nicht mehr "richtig" oder "falsch", sondern eine Metapher für eine bestimmte Form, in der wir uns und die Welt erleben. Sie ist Metapher, weil unser Erleben immer subjektiv ist, nie standardisiert und Lösungen ebenfalls immer subjektiv sind, nie standardisiert. Und auf Ebene der Metaphorik lässt sich vieles besser besprechen als auf der Ebene des analytischen. Das Leben spielt sich im Reich der Metaphern ab (Bateson 1991).



Diagnosen sind (auch) Metaphern


Begreift man Diagnosen als Metaphern, sind Begriffe wie "Depression", "Burnout", "Angst" oder "Panik" keine Fakten mehr, sondern Anlässe, über anderes sprechen zu können. Dieses Andere aber gilt es zu verstehen. Es gilt, Fragen nach dem zu stellen, was durch den Begriff eigentlich benannt ist, welches Erleben damit verbunden wird, in welchen Kontexten dieses Erleben auftritt. Schließlich gilt es, die Geschichte hinter dem Erleben zu erkunden.


Man kann die Metapher der Krankheit auch in anderer Form zu nutzen, etwa mit hypnosystemischen Techniken (Meiss 2021). So ist es möglich, der "Depression" oder dem "Burnout" ein Gesicht zu geben und eine eigene Stimme. Was wäre wenn, kann man fragen, ihre Depression hier bei uns säße? Was würde sie sagen? Was würde sie sich wünschen? Die Diagnose wird so ein Element, mit dem man flexibler umgehen kann. Wir können schauen, wann sie seltener da ist und und wann häufiger, wohin man sie in den Urlaub schicken könnte und was sie dort brauchen würde.


Vielleicht lächeln Sie bei dem Gedanken, vielleicht scheint er ihnen auch absurd.


Eine (Selbst-)Diagnose kann auch den Weg der Suche an. Denn sie deutet auf eine bestimmte Beziehungsdynamik hin, eine Beziehungsdynamik die eine andere, eine unausgesprochene Seite hat. Erleben und beschreiben wir uns etwa selbst als depressiv, so stellt sich die Frage, was wohl passieren würde, wenn wir es nicht wären. Was würden wir tun? Wie würde unser Partner darauf reagieren? Wie unsere Eltern? Unsere Kinder? Unser Chef? Was würde zu Tage treten, wenn wir plötzlich nicht mehr antriebsgemindert wären und niedergeschlagen? Was ist das letzte Mal geschehen, als wir es nicht waren? Die Arbeit mit der Diagnose kann uns beispielsweise aufzeigen, dass es für unsere Partnerschaft ganz gut ist, dass wir depressiv sind, weil wir uns sonst scheiden lassen können. Sie kann uns zeigen, dass die Essstörung der einzige Weg ist, die Selbstkontrolle in einer übergriffigen Umwelt zu bewahren.


Diagnosen können produktiv sein


Das Erleben und die Selbstbeschreibung eines Menschen im Sinne einer Diagnose wie auch die Diagnose kann also (und sollte) produktiv genutzt werden. Die "Depression" kann uns viel über uns sagen und einen Weg zu Alternativen zeigen. Der "Burnout", unsere Panik und unsere Ängste können Anstöße zum Wandel sein. Diagnosen, als Metaphern verstanden, können somit eine Ressource in der Arbeit mit Klienten sein. Diagnose im eigentlichen Sinne, im Sinne der standardisierten Manuale, sind es dann nicht mehr. Aber das ist auch gut so.






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