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Papa ist depressiv - über Familiendynamik und Stigmatisierung


 

Letztes Wochenende erschien in der ZEIT eine Reportage über eine Familie, die unter der Depression des Vaters leidet, zu zerbrechen droht, sich aber allmählich freikämpft. Der Text möchte für ein wichtiges Thema sensibilisieren und zeigen, wie gefährlich Depression sein kann. Die Autorin geht sensibel und rücksichtsvoll mit ihrem Gegenstand um und lässt die Betroffenen ausführlich zu Wort kommen.

Je länger ich die Reprotage jedoch las, desto merkwürdiger kam mir die Geschichte vor. Könnte man, dachte ich mir, diese Geschichte nicht auch ganz anders lesen? Ist es eine Geschichte darüber, wie eine Familie und ihre Therapeuten eine Krankheit erfolgreich bekämpfen? Oder ist es nicht vielmehr eine Geschichte darüber, wie linear-kausales Denken in der Psychotherapie und die Zurechnung von Krankheiten auf einzelne Personen das Problem verschlimmern, statt es zu verbessern?  

 

„Es gab uns. Und es gab ihn“ – Probleme des „typischen Mannes“

 

Die Handlung liest sich etwa so:

Ein Familienvater beginnt mit dem Eintritt ins Berufsleben leichte somatische Symptome zu entwickeln. Er hat zuvor in der Forschung gearbeitet und die Freiheit genossen. Die Arbeit als Angestellter bekommt ihm nicht. Ihm fehlt die Freiheit.

Seine Frau sieht jedoch noch kein ernstes Problem. Die Klagen des Mannes klingen nach „typischer Montagsunlust“.

Beide heiraten und bekommen Kinder. Die Mutter gibt ihre Arbeit auf und bleibt bei der Familie. Der Mann arbeitet weiter im Angestelltenverhältnis.

Der Mann, den seine Frau als „charmant, selbstbewusst, offen“ kennengelernt hat, zeigt zunehmend depressive Symptome. Er nimmt nicht mehr am Familienleben teil, bekommt Ängste und Panikattacken.

Die Symptome wirken sich zunehmend auf die Familie aus. Seine Frau fühlt sich überlastet, "erschöpft, [verliert] an Gewicht, vernachlässigte Freundschaften, [schläft] schlecht“.

Ihr Mann wurde als Belastung wahrgenommen: „Es fühlte sich immer mehr an, als hätte sie vier Kinder.“

Es folgen eine Burnout-Diagnose, Krankschreibung, Besserung und dann der Rückfall.

Der Zustand des Ehemannes verschlechtert sich.

Dann kommt die Diagnose: Schwere Depression mit Angststörung.

Er begibt sich in Therapie.

Dann folgt ein Urlaub, in dem die Leichtigkeit zurückkehrt.

Wieder zuhause kommt der nächste Rückfall; dann Probleme auf der Arbeit: Versetzung. Karriereknick, gefühltes Scheitern.

Es folgt der geplante Suizidversuch, den die Ehefrau jedoch auffangen kann.

Dann kommt die Einweisung.

Die Kinder entwickeln ebenfalls psychosomatische Symptome.

Schließlich sind alle Familienmitglieder in Einzeltherapie.

Heute hat der Vater einen anderen, anspruchslosen Job. Die Kinder sind aus dem Gröbsten heraus. Auch die Mutter arbeitet wieder halbtags. Die Depression ist besser geworden, aber nicht verschwunden. Noch immer nimmt er Medikamente und ist in Einzeltherapie.

Dafür ist die Einsicht da: Ein Kindheitserlebnis war der Auslöser. Er habe dort gelernt, keine Bedürfnisse zu äußern, so der Vater, habe sich wie ein „typischer Mann“ verhalten und konnte seine Gefühle nicht zeigen. Die Therapie, das Fazit, habe ihm gezeigt, dass er die falschen Muster verinnerlicht habe. Das Problem war, dass er die Diagnose lange Zeit nicht angenommen hatte und in Abwehrhaltung war.

 

Lücken in der Kausalkette und Ausblendung von Kontextfaktoren

 

Diese Geschichte ist tragisch, klingt aber auf den ersten Blick plausibel.

Betrachtet man die Ereignisse jedoch genauer, kommen Fragen auf. Warum z.B. war der Mann als seine spätere Frau ihn kennenlernte, „charmant, selbstbewusst und offen“ und keineswegs ängstlich und depressiv, obwohl er seine falschen Denkschemata längst verinnerlicht haben soll?

Wenn die Ursache in der frühen Jugend lag, warum tritt das Problem erst mit dem Berufseintritt und der Familiengründung auf? Auch stellt sich auch die Frage, warum es im Urlaub besser wird und während der Krankschreibung. Auch hier ist das Kindheitserlebnis nicht verschwunden.

Die hier vorgestellte Interpretation der Ereignisse weist also beträchtliche Lücken in der eigenen Kausalerklärung auf und hat keine Erklärungen für die Effekte, die Änderungen im Kontext mit sich bringen.

Zudem, doch dazu gleich, werden mögliche Rückkopplungseffekte innerhalb der Familie und zwischen Therapeuten und Familie nicht in Betracht gezogen. Es wird ein linear-kausaler Effekt angenommen: Kindheitserlebnis führt zu Depressionen des Vaters. Diese führen zu Depressionen in der Familie. Die Therapie hemmt diesen Effekt.

 

 

Wer ist hier depressiv? Eine systemische Perspektive

 

Man sollte sich grundsätzlich einer Ferndiagnose enthalten und so kann ich nicht sagen, wo das Problem der Familie im konkreten Fall liegt oder lag. Das weiß ich nicht. Das Denken, das sich in beschriebenen Fall ausdrückt, ist jedoch typisch für das Denken an vielen Stellen in unserer psychiatrischen und psychotherapeutischen Versorgung. Ich möchte daher im Folgenden den Fall als exemplarisches Beispiel dieses Denkens diskutieren und dazu einladen, die mitgelieferten und als selbstverständlich angenommenen Deutungen und Interpretationen einmal wegzulassen. Stattessen möchte ich eine systemische Sichtweise anbieten.

Zunächst fällt auf, dass der spätere Familienvater, als seine Frau ihn kennenlernte, „charmant, selbstbewusst, offen“ war. Von kindheitserfahrungbedingten Depressionen keine Spur.

Die Symptome begannen erst, als er von der Forschung ins  Angestelltendasein wechselt. Er bekommt somatische Symptome. Die mitgelieferte Erklärung behauptet, dass das Problem darin liegt, dass der Vater seine Bedürfnisse ignoriert. Schauen wir nur auf die Ereignisse, fällt jedoch auf, dass er seine Bedürfnisse durchaus äußert: Ihm fehlt die Freiheit. Es ist seine Frau, die daraufhin mit „übliche Montagsunlust“ reagiert.

Die Lernerfahrung, seine Gefühle zu unterdrücken, könnte hier also in der Beziehung und nicht in der Kindheit gesucht werden.

Hier könnte man weiter annehmen, dass sich das Muster verstärkt: Kinder, Haus und Frau müssen finanziert werden. Die Erwartung an ihn zu funktionieren, wächst (im Übrigen scheint die Ehefrau sie auch an sich selbst zu stellen: „ich habe funktioniert“). Von Freiheit in der Arbeit keine Spur.

Er zieht sich zurück, weil er das Gefühl hat, nicht gehört zu werden.

Sie spricht von ihm als dem „vierten Kind“.

Er fühlt sich  noch weniger gesehen, überfordert und nicht wertgeschätzt, ist er es doch, der die Familie unter großem subjektiven Leid ernährt (Hypothese).

Jetzt entwickelt auch die Frau Symptome, die wiederum zu rufen scheinen: kümmere dich um mich.

Die Erwartung zu funktionieren steigt.

So entsteht ein Kreislauf: Kritik – Rückzug – Kritik – Rückzug. Es könnte sich hier also um einen klassischen Rückkopplungseffekt in der Paarbeziehung handeln (Watzlawick et al., 1967). Die Überforderung des Vaters wie auch der Mutter eskalieren sich wechselseitig.

Spätestens jetzt sollte man nicht mehr vom depressiven Vater in der Familie sprechen, sondern von der depressiven Familie.

Ausnahmen gibt es während des Urlaubs und der Krankschreibung (man kann davon ausgehen, dass die Arbeitsbelastung wegfällt) und schließlich, wenn sich die Familiendynamik mit dem Berufswechsel, dem Heranwachsen der Kinder und der Wiederaufnahme der Berufstätigkeit der Frau ändert.

Erklären wir das Problem also über die Paardynamik und beruflichen Kontext, sparen wir uns die spukhafte Fernwirkung von Jugenderfahrungen und können stattdessen die kontextabhängigen Änderungen gut mit integrieren.

Über einen Rückkopplungseffekt ließe sich auch erklären, warum die Psychotherapie nur mäßigen Erfolg hat. Zum einen nimmt sie den Kontext und die Paardynamik nicht in den Blick, sondern sieht das Problem bei einem einzelnen Menschen.

Darüber hinaus vermittelt sie zwar auf der expliziten Ebene Entlastung: Der Mann hat eine Depression, an der er nicht schuld ist. Auf der impliziten Ebene tut sich jedoch genau das Gegenteil. So lesen sich die entsprechenden Passagen über das Selbstbild des ‚therapierten‘ Mannes wie eine andauernde Selbstanklage mittels therapievermittelter Deutungen: Ich war ein „typischer Mann“, war „in Abwehr“, habe die Diagnose nicht akzeptiert etc. Zugespitzt könnte man sagen, dass die Therapie eine persönlich zugerechnete, permanente und pervasive Problemdefinition vermittelt, die im Kern der Struktur depressiven Denkens entspricht (Seligman, 2001). Diese Interpretation wird in der ganzen Familie ge- und verteilt: Alle sind sich einig, dass Papa das Problem ist, nicht funktioniert und falsch denkt. Dass er daran nicht schuld ist, zeigt nur, wie hilflos er ist.

 

 

Besser miteinander reden als übereinander

 

Soweit die Theorie. Doch auch im Praxisalltag zeigt sich, dass eine systemische Herangehensweise deutlich wirksamer sein kann als eine Einzeltherapie aller Beteiligten, in der man sich darauf geeinigt hat, dass eine einzige Person Problemträger ist. Immer wieder habe ich Männer vor mir sitzen, die Wut, Ängste und depressive Symptome zeigen, die mit dem Familienalltag im Zusammenhang stehen. Sie wollen sich ändern oder sollen (häufig werden sie geschickt) geändert werden.

Das Problem beginnen schon häufig mit der Schwangerschaft, in der sich traditionelle Geschlechterrollen wieder einspielen. Die Frauen übernehmen Haushalt und Care-Arbeit. Die Männer verdienen Geld und es entsteht in der Familie ein Spiel, in dem Männer nur wenig Möglichkeit bekommen, sich überhaupt zu integrieren. Denn: sobald man etwas macht, macht man es falsch (Hirschauer, 2019). „Ich habe das Gefühl, ich komme in die Höhle des Löwen“, sagte mir ein Mann einmal.

Umgekehrt bleiben die Frauen überfordert und häufig mit Doppelbelastung allein gelassen von einem Mann, der sich zurückzieht: „Der Pascha kommt nach Hause.“

Er fühlt: Ich bin allein mit der finanziellen Last. Von mir wird erwartet, dass ich funktioniere und werde zuhause nicht gesehen. Sie fühlt: Ich bin mit der Familie allein und musste meinen Beruf aufgeben. Ich werde nicht gesehen.

Es entsteht Frust auf beiden Seiten, der in Depressionen, Wutanfällen, Sucht etc. münden kann.

In der Paar- oder Familientherapie miteinander reden hilft häufig mehr, als in der Einzeltherapie übereinander zu reden. Auf Interaktionsmuster und wechselseitige Erwartungen zu schauen, bringt uns der Lösung näher, als Depressionsauslöser in der Kindheit zu suchen und Einzelpersonen als Problem auszumachen.

 

 

Probleme im medizinisch-kausalen Denken

 

Das alles ist im vorliegenden Fall rein hypothetisch, wie gesagt. Ich kann keine Aussagen darüber treffen, was wirklich gewesen ist und was jetzt wirklich ist in der Familie, von der die Reportage handelt. Ich beziehe mich hier nur auf eine kurze, journalistische Beschreibung des Falls zu einem Zeitpunkt.

Diese ist jedoch ein gutes Beispiel dafür, welche blinden Flecken das linear-kausale Denken des medizinischen und auch psychotherapeutischen Alltags mit sich bringt. Meine Interpretation muss nicht stimmen. Es reicht, dass sie plausibel ist. Allein das zeigt, wie tief die Probleme reichen.

Wird sich das in absehbarer Zeit ändern? Die sozialrechtliche Anerkennung der systemischen Therapie und mit ihr die Möglichkeit, das Mehrpersonensetting auch über Kasse abzurechnen, ist sicher ein Schritt in die richtige Richtung.

Das linear-kausale Denken und die Zurechnung auf kranke Einzelpersonen ist jedoch nicht nur in der Grundstruktur unseres Alltagsdenkens verankert. Sie ist auch tief ins medizinische Versorgungssystem eingeschrieben, das ohne personenbezogene Diagnosen nicht arbeiten kann. In wie weit die systemische Therapie das zu ändern vermag oder in wie weit sie von dem System geändert wird, bleibt abzuwarten.

Hoffnung macht hier jedoch immer wieder die Resilienz des Menschen, Wege zu finden und sich allen Widrigkeiten zum trotz durchzukämpfen. Dafür ist der Artikel in der ZEIT auch ein sehr gutes Beispiel.

 

 

 

Literatur

 

Hirschauer, S. (2019). Mein Bauch gehört uns. Gynisierung und Symmetrisierung der Elternschaft bei schwangeren Paaren. Zeitschrift für Soziologie, 48(1), 6–22. https://doi.org/10.1515/zfsoz-2019-0002


Seligman, M. E. P. (2001). Pessimisten küßt man nicht: Optimismus kann man lernen (Vollst. Taschenbuchausg). Droemer Knaur.


Watzlawick, P., Beavin, J., & Jackson, D. D. (1967). Pragmatics of human communication: A study of interactional patterns, pathologies, and paradoxes. Norton.

 

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