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Traumatherapie des Teufels

  • Autorenbild: Till Jansen
    Till Jansen
  • vor 2 Tagen
  • 5 Min. Lesezeit

Wenn es nicht vorbei ist


Was tut man, wenn es weitergeht? Wenn die Situation, die einen zerstört, morgen noch da ist? Übermorgen auch?

Die therapeutische Bearbeitung schwerer Erfahrungen setzt üblicherweise voraus, dass eben jene Erfahrung der Vergangenheit angehört. Man arbeitet therapeutisch mit den unvollständig bearbeiteten Erinnerungen, die in Form von Ängsten und Albträumen, Panik und Flashbacks bleiben. Idealerweise stabilisiert man zunächst auf Symptomebene, konfrontiert dann mit den Erinnerungen - um schließlich zu integrieren. Läuft alles gut, so kann am Ende ein Satz stehen wie „Es ist vorbei!" – als emotional erlebter, als körperlich gefühlter. Die Erfahrungen, die mich gejagt haben, gehören der Vergangenheit an.

Was aber, wenn diese Bedingung ausbleibt? Wenn die Erfahrung, die Albträume bereitet, die in Denken und Fühlen eindringt, andauert? Wenn man ihr schlicht und einfach ausgeliefert bleibt?

Die klassischen Modelle setzen häufig Abgeschlossenheit der Situation voraus. Sie nehmen implizit an, dass im Rechtsstaat, im Frieden, die Erfahrung zuerst beendet werden kann. Die Therapie kommt danach. An anderen Orten, zu anderen Zeiten, lässt sich diese Annahme so einfach allerdings kaum aufrechterhalten.



Es gibt kein richtiges Leben im falschen


Das stalinistische Russland der zwanziger und dreißiger Jahre war ein solcher Ort zu einer solchen Zeit. Der Schriftsteller Michail Bulgakow war einem solchen, scheinbar endlosen traumatischen Erleben ausgesetzt. Er hatte den russischen Bürgerkrieg in verschiedenen Funktionen bei der weißen und der roten Armee sowie den Kosaken verbracht. Danach begann er zu schreiben. Doch ein Systemschriftsteller – einer jener aktivistischen Arbeiterdichter, wie er sie später so treffend karikieren sollte – wurde er nie. Nach anfänglichen kleinen Erfolgen wurden seine Stücke verboten. Seine Lage wurde prekärer, künstlerisch wie materiell. Die Ausreise wurde ihm ebenso verwehrt wie die Publikation oder eine Stelle, mit der er sich hätte über Wasser halten können.

„Es gibt kein richtiges Leben im falschen", schreibt Adorno. Bulgakow führte ein solches "falsches" Leben. Das richtige Leben suchte er im Schreiben. Sein Buch Meister und Margarita entstand im Wissen, dass es zur Lebzeit des Autors nie gedruckt werden würde – dazu war es auch gar nie gedacht. Bulgakow schrieb es als Selbstverteidigung, als eine Bewältigungsstrategie, die vielen Techniken der Traumatherapie vorgreift. Er schrieb, las seinen Freunden vor und schrieb weiter. Die letzte Version des Manuskripts vollendete er, kurz bevor er 1940 im Alter von 49 Jahren starb. Fünfundzwanzig Jahre später sollte das Buch zum ersten Mal erscheinen – nur um sofort wieder verboten zu werden. Heute gilt es als einer der großen Klassiker der russischen Literatur.



Der Teufel in Moskau


Auf den ersten Blick hat das Buch mit Traumatherapie wenig zu tun. Stabilisierung, Fürsorge, die Schaffung sicherer Räume – all das kommt bei Bulgakow so erst einmal gar nicht vor. Man hat eher den Eindruck, dass hier das Gegenteil passiert. Denn Bulgakow schickt den Teufel nach Moskau. Von Ruhe und Geborgenheit ist da keine Spur. Der „Konsultant" Voland, Professor für schwarze Magie, reist mit einer Menagerie aus einem sprechenden Kater sowie allerlei Vampiren und Dämonen in die stalinistische Hauptstadt. Dort gibt er vor, sich für die neue, kommunistische Gesellschaft zu interessieren – nur um diese Schritt für Schritt ins Chaos zu stürzen. Nach dem Vorbild von Goethes Mephisto ist Voland „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft". Von diesem Guten schafft er viel: Ein opportunistischer Herausgeber verliert seinen Kopf unter einer Trambahn. Ein alkoholabhängiger Theaterdirektor findet sich in der Anstalt wieder – ebenso wie ein gieriger Hausverwalter. Die Mitläufer und Täter des stalinistischen Regimes werden der Gerechtigkeit zugeführt - bis schließlich ganz Moskau in Flammen aufgeht.

Man liest sie gerne, jene Szenen, in denen ein diabolischer Kater marinierte Pilze mampft und Literaturfunktionäre nach Jalta hext, die Inszenierung schwarzer Magie im Theater, an deren Ende das gierige Publikum splitternakt darsteht. Doch würde sich Bulgakow auf die oftmals grotesken und urkomischen Szenen beschränken, wäre das Buch kaum das, was es ist. Denn die eigentlichen Protagonisten sind nicht der Teufel und seine Entourage. Es sind vielmehr ein namenloser Schriftsteller und seine Geliebte Margarita, die ihrem Geliebten den Namen „Meister" schenken wird. Dieser Meister ist selbstverständlich das Alter Ego Bulgakows – ein Schriftsteller, der unter dem System leidet, ihm aber auf keine Weise zu entfliehen vermag. In der Verfilmung von Michail Lockshin, mit einem kongenialen August Diehl als Voland, wird dieser Bezug eindrucksvoll ausgearbeitet. Für Bulgakow aber wird der Teufel therapeutisch. Denn über die Figur Volands stiftet Bulgakow sich selbst eine Art Traumatherapie - wenn auch nur eine phantasierte.



Die Traumatherapie des Teufels


Da ist zunächst die performative Dimension, der Akt des Schreibens selbst, in dem sich Bulgakow einen Raum des Rückzugs schafft. Im Schreiben bekommt er jene Selbstwirksamkeit und Handlungsmacht zurück, die ihm im Alltagsleben fehlt.

Doch diese Bewegung ist, anders als in der Traumatherapie häufig der Fall, alles andere als defensiv. Gerade weil die Situation weiter andauert, kann sie das auch gar nicht sein. Bulgakow ermächtigt sich vielmehr selbst - wenn auch nur in der Phantasie. In stellvertretender Identifikation mit dem Teufel kann er seine Täter den Kopf verlieren lassen. Er kann Theaterdirektoren verrückt werden lassen und es Margarita ermöglichen, als Hexe, fliegend und unsichtbar, die Wohnung eines Kritikers zu zertrümmern. Über Voland verlässt Bulgakow die Position des Opfers und wird Handelnder.

Als Nebeneffekt stabilisiert er dabei seine eigene Identität. Im langjährigen Täterkontakt erodiert irgendwann das klare Verständnis von Schuld und Verantwortlichkeit. Man fragt sich, ob man selbst Schuld ist an der Lage. Man passt sich an und verliert die Fähigkeit zur Selbstbestimmung. Voland zeigt klar, wer verantwortlich ist. Der Teufel hält die Menschlichkeit aufrecht, den Glauben an die Möglichkeit des richtigen Lebens – selbst wenn dieses im „falschen" gerade eben so überhaupt gar nicht möglich ist.

Bulgakows Therapie des Teufels hat damit auch eine ethische Dimension, die über reine Therapie hinausgeht. Sie beharrt darauf, dass ein anderes Leben möglich sein muss – selbst wenn es dies in der Realität gerade eben gar nicht ist. Sie beharrt auf der kontrafaktischen Möglichkeit des richtigen Lebens im falschen. Und insofern muss sie über klassische Stabilisierungstechniken hinausgehen und Selbstermächtigung in den Fokus rücken. Die Taten des Teufels richten sich nach vorne: Warte nur, es wird dich erwischen.

Schließlich schafft Bulgakow sich in der Imagination die Möglichkeit dieses „richtigen" Lebens. Weil es in der Wirklichkeit weiterhin ausbleibt, müssen die Protagonisten erst sterben. Nach dem Tod aber stiftet der Teufel ihnen einen Ort, ein Haus unter Kirschblüten, an dem sie sagen können: „Es ist vorbei." Der imaginierte Abschluss nach dem Tod spendet paradoxerweise die Hoffnung, die ein Weiterleben ermöglicht.


Das richtige Leben im falschen


Bulgakows Vorgehen bewegt sich auf einem schmalen Grat und ist so ohne Weiteres nicht übertragbar. Sich etwa aus der Bedrohung durch einen gewalttätigen Partner herauszuimaginieren, statt die Beziehung tatsächlich zu beenden oder dies gar therapeutisch zu unterstützen, wäre fahrlässig.

Bulgakows 'Traumatherapie des Teufels' ist eine für ausweglose Situationen. Insofern bleibt sie auch unabgeschlossen - selbst dort, wo sie ihr richtiges Leben findet. Die Therapie kann nicht abgeschlossen werden, weil die Situation nicht abgeschlossen ist. Der Schluss, an dem alles vorbei ist, kann nur situativ imaginiert werden. Er muss immer wieder neu erkämpft, stets wiederholt werden. Ihren Abschluss im Haus unter den Kirschblüten konnte Bulgakows Therapie nur finden, weil sie unabgeschlossen blieb


 
 
 

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