"Entspann dich mal": Warum Work-Life-Balance nicht hilft
- Till Jansen
- vor 24 Stunden
- 9 Min. Lesezeit
Der gut gemeinte Rat scheitert zuverlässig. Nicht weil Unternehmer nicht entspannen wollen, sondern weil Entspannung so zur nächsten Aufgabe wird. Über Work-Life-Balance als Rechenfehler, die Metrik als Stressor – und Fokus als etwas anderes als Anstrengung.
Der Satz fällt meistens spät. Nach dem dritten Abend, an dem das Telefon neben dem Teller liegt. Nach dem Wochenende, das keines war. Er ist gut gemeint und er ist präzise: Da ist jemand, der sich Sorgen macht, und da ist jemand, der nicht mehr ansprechbar ist.
Nur hilft er nicht.
Nicht selten wird er abgelehnt – ausgesprochen oder unausgesprochen. Man hat es doch gerade versucht. Hat nicht geklappt. Eigentlich ist man doch entspannt. Oder es ist eben eine stressige Zeit, ein harter Job.
Manchmal wird er auch angenommen. Man denkt sich: „Ja, stimmt." Ich sollte mich mehr entspannen. Vielleicht auch mehr Zeit mit der Familie verbringen. Vielleicht hat man den eigenen Vater vor Augen, oder auch die Mutter: ständig gestresst, nie da.
Man nimmt sich vor, entspannter zu sein. Nur wird Entspannung dann nicht selten zum Vorhaben. Man bucht ein Wochenende, lädt eine App, blockt den Samstagvormittag. Und dann sitzt man da und arbeitet an der Entspannung – in Gedanken häufig woanders, mit dem schlechten Gewissen, die Zeit doch besser nutzen zu können.
Irgendwann ist die Entspannung dann vorbei und man kann wieder erleichtert an die Arbeit gehen.
Watzlawick und Kollegen haben die Struktur dieses Scheiterns als pragmatische Paradoxie beschrieben. „Sei spontan!" ist eine Aufforderung, die nur misslingen kann: Wer ihr folgt, folgt einer Anweisung – und ist damit nicht spontan (Watzlawick et al., 1967). „Entspann dich mal" gehört in dieselbe Familie. Für jemanden, der unentspannt ist und unter zu viel Erwartungsdruck steht, ist die Erwartung, sich mal zu entspannen, vor allem eines: eine Erwartung mehr, ein weiteres To-do auf der Liste.
Work-Life-Balance?
Der gängige Begriff für das Problem ist heute Work-Life-Balance. Das Bild ist eine Waage: zwei Schalen, ein Gewicht, das verteilt werden will. Zu viel links, zu wenig rechts, also umschichten. Weniger Stunden in der Firma, mehr Stunden zu Hause. Weniger Arbeit. Mehr Familie.
Das Bild setzt etwas voraus, das nicht stimmt. Es setzt voraus, dass Arbeit das Gegenteil des Lebens ist. Dass sie dem Leben etwas wegnimmt, das man ihr wieder abringen muss. Gleichzeitig wird suggeriert: Hier ist das Gute, das Leben. Dort ist das Schlechte, die Arbeit.
Wie wenig treffend diese Unterscheidung ist, zeigt sich nicht zuletzt an der Diskussion über Care Work und Mental Load in der Familie. Hier dreht sich die Wertigkeit wieder um. Die Karriere wird das Gute, die Familie die Last. Beide Perspektiven tragen nicht weit, weil sie das Leben in Teile spalten, die gegeneinander ausgespielt und metrifiziert werden.
Entsprechend empfinden die meisten Unternehmerinnen und Unternehmer, mit denen ich arbeite – wie überhaupt die meisten Menschen, die ihren Job gern machen –, die Aufforderung zu weniger Arbeit, zu Entspannung von der Arbeit, irgendwie als unpassend. Die Arbeit ist kein Gegenteil ihres Lebens. Sie ist ein Teil davon – oft der Teil, in dem sie am meisten von sich selbst wiederfinden. Wer ihnen rät, das Leben gegen die Arbeit zu verteidigen, verlangt von ihnen, sich gegen sich selbst zu stellen. Das tun sie dann auch, pflichtbewusst, und wundern sich, dass es nicht besser wird.
Denn schlechter geht es ihnen ja. Die Beziehung leidet, das ist keine Einbildung. Aber sie leidet nicht an einer Stundenzahl. Sie leidet daran, dass am Küchentisch jemand sitzt, der zugleich in vier anderen Räumen ist.
Die Optimierung des Feierabends
Wenn also die Aufforderung zu mehr Life und weniger Work nicht funktioniert, kommt der nächste Vorschlag. Meist von der Sorte Coach, die im Problem immer nur ein Effizienzproblem sieht: Dann optimieren wir eben. Erholung als Ressource. Schlaf als Kennzahl. Regeneration als Voraussetzung für Peak Performance. Quality Time mit der Partnerin und den Kindern. So wird die Familie nicht zum Risiko für die Karriere, sondern zum Asset – ein Statussymbol, das zum optimierten Leben gehört: meine Firma, mein Haus, mein Auto und meine lächelnde Familie.
Was hier passiert, ist bemerkenswert. Der letzte Bereich, der nicht unter dem Gesichtspunkt der Leistung stand, wird ihr unterworfen. Byung-Chul Han hat für diese Bewegung, in Abgrenzung zu Foucaults Disziplinargesellschaft (Foucault, 1975), den Begriff des Leistungssubjekts popularisiert: Der moderne Mensch braucht keinen Aufseher mehr, er ist sein eigener (Han, 2010). Die Ausbeutung wird freiwillig und damit vollständig, weil sie sich als Selbstverwirklichung ausgibt.
Der Effekt ist absehbar. Der Stress wird nicht kleiner – er wandert. Und die Beziehung wird nicht besser, sie wird eine Position auf einer Liste. Es gibt wenig, was eine Partnerschaft zuverlässiger beschädigt, als in ihr vorzukommen wie ein Quartalsziel. Das ist übrigens auch der Punkt, an dem die Familie vor allem unter dem Vorzeichen von Mental Load und Care Work diskutiert wird. Sie ist dann nur noch ein zweiter Job – der allerdings nicht bezahlt wird und häufig mit weniger Status und Selbstwirksamkeit einhergeht.
Die Metrik ist der Stressor
An dieser Stelle lohnt es sich, das Messen selbst anzusehen, statt immer nur die Werte. Espeland und Sauder haben gezeigt, dass Kennzahlen nicht abbilden, was ist, sondern verändern, was ist. Ein Ranking beschreibt keine Realität, es erzeugt eine: Alle richten ihr Verhalten am Maß aus, und am Ende misst das Maß vor allem sich selbst (Espeland & Sauder, 2007). Jerry Muller hat dieselbe Beobachtung für Organisationen durchbuchstabiert (Muller, 2018).
Auf das eigene Leben angewandt heißt das: Wer sein Leben in Kategorien führt – Arbeit, Familie, Gesundheit, Sinn – und regelmäßig prüft, wie es um die einzelnen Posten steht, hat nicht sein Leben im Blick. Er hat eine Liste im Blick.
Und Listen haben eine unangenehme Eigenschaft. Sie behaupten, alles sei gleichzeitig da. Der Punkt „Beziehung" ist auch dann anwesend, wenn niemand im Raum ist, und die vierzehn offenen Punkte der Firma sind auch dann anwesend, wenn man beim Abendessen sitzt. Eine To-do-Liste ist eine Dauerimmersion in Abwesendes. Man ist schon beim nächsten Punkt, wenn man den ersten abgehakt hat – und völlig geleert ist eine solche Liste nie. Denn eine leere Liste hieße: keine Aufgabe. Das hieße: keine Performance. Und wenn das Leben als Performance begriffen wird, läuft das auf ein erfolgloses Leben hinaus. Das ist der Stressor. Nicht die Menge der Aufgaben, sondern die Gleichzeitigkeit ihrer Vergegenwärtigung. Wer misst, ist nie hier.
Das Problem ist dabei weniger der Performance-Anspruch der Arbeit. Ohne den hieße Arbeit: Absitzen ohne Anspruch. Das Problem ist die Ausweitung der Metrik. Georg Simmel hat das psychologische Hinaufwachsen der Mittel zu Zwecken beschrieben: Was als bloßes Mittel eingeführt wird, rückt in der Zweckreihe so weit nach oben, dass das Bewusstsein davor haltmacht und es für den Zweck selbst nimmt (Simmel, 1900). Wo die Metrik im Beruf, in einem eingegrenzten Bereich, motivierend und sinnvoll ist, führt ihre Totalisierung zu Sinnentleerung und Erschöpfung.
Fokus ist keine Mühe
Eine mögliche Alternative kann Fokus sein – ein Begriff, der leider häufig falsch verstanden wird. Fokus klingt nach Konzentrationsfalte auf der Stirn. Nach Disziplin, Willenskraft, zusammengebissenen Zähnen, nach Störungsfreiheit, die man sich hart erkämpft. So verstanden wäre Fokus nur die nächste Leistung – und der Ratschlag „Fokussier dich mal" wäre keinen Deut besser als „Entspann dich mal".
Fokus ist aber kein Modus der Mühe. Er ist ein Wegfall. Fokus heißt: Es ist nur das da, was gerade da ist. Nicht, weil man alles andere mühsam ausblendet, sondern weil es nicht mehr auftaucht. Das ist der Unterschied zur Priorisierung. Priorisieren heißt, alles im Blick zu behalten und zu sortieren – die Liste bleibt vollständig, sie wird nur geordnet. Priorisieren heißt, schon immer beim nächsten Bulletpoint zu sein und die Welt über Listen zu begreifen. Fokus heißt, nur im Hier und Jetzt zu sein. Was unwichtig ist, muss nicht gestrichen werden. Es verschwindet von selbst.
Dabei ist Fokus nicht mit Achtsamkeit zu verwechseln – jedenfalls mit jener, die als Technik der Selbstregulation gelehrt wird. Sie ist eine Übung: Man richtet die Aufmerksamkeit aus, bemerkt das Abschweifen, führt sie zurück. Das ist nicht wertlos. Aber es ist ein Tun, und es zielt auf einen Zustand, der hergestellt werden soll. Genau deshalb findet die Achtsamkeit so mühelos ihren Platz im Katalog der Optimierung: Sie lässt sich üben, dosieren, in Minuten pro Tag messen. Fokus ist kein Ergebnis der Übung. Er ist das, was übrig bleibt. Deshalb ist „Weglassen, was nicht wichtig ist" als Handlungsanweisung irreführend, obwohl die halbe Ratgeberliteratur davon lebt (etwa McKeown, 2014). Das Weglassen ist nicht der Akt. Es ist das Ergebnis.
Hier scheint ein Widerspruch zu lauern. Wenn nur da ist, was da ist – ist Fokus dann nicht das vollständige Versinken? Heißt Fokus nicht, bis in die tiefe Nacht arbeiten? Nicht ausschalten können? Liegt nicht gerade dort das Problem des Unternehmers, der immer 'On' ist?
Tatsächlich gibt es eine dünne Linie, die zu einem wesentlichen Unterschied wird. Fokus ist auch nicht vollständiges Erfasst-Werden, vollständiges Aufgehen in etwas, vollständige Immersion. Immersion heißt: von einer Sache gehalten zu werden. Der Getriebene ist maximal immersiv. Das Reh im Scheinwerferlicht ist es auch. Es sieht nichts als das Licht – und genau deshalb kann es nichts tun. Es hat keinen Fokus, es ist besetzt. Auch Flow-Zustände sind, so produktiv sie sein mögen, zunächst Formen der Absorption, der Immersion (Csikszentmihalyi, 1990).
Fokus dagegen heißt: Immersion bewegen zu können. Fokus ist das gelassene, klare Da-Sein beim Wissen darum, dass auch immer anderes da ist - Anderes, das nur gerade als anderes nicht markiert wird. Fokus führt die Fähigkeit mit, den Fokus setzen zu können, ihn wandern lassen zu können und darum zu wissen, dass der größte Teil der Welt immer außerhalb des Fokus ist. Wer den Fokus setzen kann, sieht, dass er ihn gesetzt hat. Bateson würde sagen: Es gibt einen Kontext, in dem das Fokussierte steht (Bateson, 1972). So paradox es klingt – gerade der Fokus erlaubt es, die Dinge im Zusammenhang zu sehen. Er ermöglicht die Dissoziation von der Immersion.
Was Fokus nicht kann
Damit ist ausdrücklich nicht gesagt, dass Fokus die Lage entschärft. Eine prekäre Lage wird nicht weniger prekär, weil jemand fokussiert ist. Das Konto ist leer, ob konzentriert oder nicht. Die Finanzierung wackelt weiter. Das stresst - und zwar nicht im positiven Sinne (Selye 1974). Wer etwas anderes verspricht, verkauft Wunschdenken.
Was sich ändert, ist etwas Kleineres und Wichtigeres: Im Fokus ist die prekäre Lage eine Sache in der Welt. Nicht die Welt. Fokus heißt also zweierlei zugleich: voll bei einer Sache zu sein und mit einem Teil seiner selbst zu wissen, in welchem Kontext man sich dabei bewegt. Ernest Hilgard hat für die Hypnose vom hidden observer gesprochen – von jenem Anteil, der weiter registriert, was sonst noch da ist, während die Aufmerksamkeit ganz woanders liegt (Hilgard, 1977; ein Befund, der in der Hypnoseforschung umstritten geblieben ist, vgl. Spanos, 1986). Etwas Ähnliches läuft im Fokus mit. Man ist bei der Sache. Und trotzdem ist da ein Teil, der weiß, wo diese Sache steht.
Das ist kein Trost. Es ist Genauigkeit. Und Genauigkeit ist die Bedingung dafür, dass man handeln kann – das Reh muss nicht das Licht besiegen, es muss den Blick abwenden und laufen.
Zu zweit da sein
Bleibt die Frage, mit der alles anfing. Was ist mit der Partnerschaft? Die übliche Antwort lautet: mehr Zeit. Die optimierte Antwort lautet: bessere Zeit. Beide behandeln die Beziehung als Posten, der zu bewirtschaften ist. Beide gehen davon aus, dass man erst etwas herstellen muss, was dann Beziehung wäre. In Beziehung zu sein ist aber kein Zustand, den man produziert. Es ist ein Da-Sein – zu zweit (beziehungsweise: in der Familie).. Es braucht kein Budget und keine Kennzahl. Es braucht, dass an diesem Tisch niemand sitzt, der zugleich woanders ist. Alles Weitere ergibt sich, weil nur in diesem Zustand Beziehung überhaupt möglich ist.
Der Satz „Entspann dich mal" ist in diesem Sinne schon Indikator dafür, dass die Beziehung fehlt. Und er verfehlt seinen Adressaten. Genau das ist der Grund, warum „Entspann dich mal" scheitert und zugleich recht hat. Der Satz verlangt einen Zustand, und Zustände lassen sich nicht auf Zuruf herstellen. Aber er benennt, was fehlt. Nicht Erholung. Anwesenheit. Die fordert er – nur nicht auf eine Weise, in der sein Befolgen das Ziel erreichen könnte.
Fokus ist keine Leistung. Er ist ein Wegfall. Der Unterschied ist nicht kosmetisch. Wer Fokus als Leistung versteht, hat sich eine weitere Aufgabe gegeben und wird an ihr scheitern wie an allen anderen. Wer versteht, dass Fokus dort entsteht, wo die Buchhaltung über das eigene Leben und die effizienzgetriebene Selbstoptimierung aufhört, hat etwas abgegeben.
Das ist unbequemer, als es klingt. Denn die Liste ist nicht nur Last, sie ist auch Versicherung. Sie garantiert, dass nichts vergessen wird, dass alles unter Kontrolle ist, dass man niemandem etwas schuldig bleibt. Sie aufzugeben heißt, dieses Versprechen aufzugeben. Denn Fokus heißt eben auch: hier zu sein und zugleich zu wissen, dass dieses Hier nur ein unendlich kleiner Ausschnitt der Welt ist – und dass man sich um alles andere gerade nicht kümmern kann. Dafür bekommt man etwas zurück, das mit keiner Kennzahl zu haben ist: einen Abend, an dem nichts anderes ist als dieser Abend.
Das heißt dann übrigens nicht, dass die Liste überflüssig wird. Auch Fokus kann die Mitarbeiter nicht wegzaubern, die abends noch anrufen und das Meeting, das drängt. Aber Fokus heißt, dass man weiß, warum man die Liste führt. Sie ist dann kein To-Do mehr, sondern das Versprechen einer zeitweisen Entlastung vom To-Do. Und das heißt dann nicht selten wirklich: Entspannung.
Literatur
Bateson, G. (1972). Steps to an Ecology of Mind: Collected Essays in Anthropology, Psychiatry, Evolution, and Epistemology. Chandler Publishing Company. (dt.: Ökologie des Geistes, übers. v. H. G. Holl, Suhrkamp, 1981)
Csikszentmihalyi, M. (1990). Flow: The Psychology of Optimal Experience. Harper & Row.
Espeland, W. N., & Sauder, M. (2007). Rankings and Reactivity: How Public Measures Recreate Social Worlds. American Journal of Sociology, 113(1), 1–40. https://doi.org/10.1086/517897
Foucault, M. (1975). Surveiller et punir: Naissance de la prison. Gallimard. (dt.: Überwachen und Strafen: Die Geburt des Gefängnisses, übers. v. W. Seitter, Suhrkamp, 1977)
Han, B.-C. (2010). Müdigkeitsgesellschaft. Matthes & Seitz Berlin.
Hilgard, E. R. (1977). Divided Consciousness: Multiple Controls in Human Thought and Action. Wiley. McKeown, G. (2014). Essentialism: The Disciplined Pursuit of Less. Crown Business.
Muller, J. Z. (2018). The Tyranny of Metrics. Princeton University Press.
Selye, H. (1974). Stress without Distress. J. B. Lippincott.
Simmel, G. (1900). Philosophie des Geldes. Duncker & Humblot.
Spanos, N. P. (1986). Hypnotic behavior: A social-psychological interpretation of amnesia, analgesia, and „trance logic". Behavioral and Brain Sciences, 9(3), 449–502.
Watzlawick, P., Beavin, J. H., & Jackson, D. D. (1967). Pragmatics of Human Communication: A Study of Interactional Patterns, Pathologies, and Paradoxes. W. W. Norton.

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