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Folge Deinen Bedürfnissen, indem Du tust, was ich Dir sage! -"People Pleasing" (Bossman 2023)

Aktualisiert: 21. Dez. 2023


Ulrike Bossmann hat einen Ratgeber für Menschen geschrieben, die gefallen möchten und dabei die eigenen Bedürfnisse aus den Augen verlieren, für Menschen, die an People Pleasing leiden. Das Buch bietet Erklärungen und Strategien. Ich bin skeptisch, ob es sich als Selbsthilfebuch eignet. Für Coaches, Berater und Therapeuten ist es jedoch eine lohnenswerte Lektüre.



Selbsthilferatgeber gehören nicht zu meiner regelmäßigen Lektüre. Geht es um meine eigenen Probleme, werde ich in der Regel bei Youtube fündig (vor allem, wenn es um handwerkliche Dinge geht) oder gehe in die Supervision. Selbsthilfebüchern stehe ich eher skeptisch gegenüber.


Das hat verschiedene Gründe. Vor allem habe ich den Eindruck, dass Selbsthilferatgeber Probleme häufig eher verstärken, als dass sie Verbesserung herbeiführen. Man schlägt sie auf und beginnt zu lesen und stellt fest, dass hinter einem kleinen Problem eigentlich ein ganz Großes steht. Wollte man nur wissen, wie man den Partner dazu bringt, die dreckige Unterwäsche nicht überall herumliegen zu lassen, lernt man in der entsprechenden Literatur, dass man sich eigentlich scheiden lassen muss. Wer genug Selbsthilferatgeber liest, bekommt so viele Probleme, dass er vor lauter Selbsthilfe zu nichts mehr kommt - so zumindest mein Eindruck. Da ich mich gerne nur mit Problemen befasse, von denen ich selbst meine, dass ich sie habe, lasse ich die Finger von Selbsthilferatgebern.


People Pleasing - auf Kosten der eigenen Bedürfnisse


Neulich stieß ich jedoch über einen frisch erschienenen Titel zu einem Phänomen, mit dem einige Klientinnen und Klienten (vor allem Klientinnen) zu kämpfen haben: People Pleasing, das Problem, Menschen gefallen zu wollen/zu müssen. Und da das Buch von einer systemischen Kollegin verfasst worden war und ich selbst wohl nicht Gefahr laufe, People Pleaser zu sein, kaufte ich es mir und begann zu lesen.


Worum geht es? Mit People Pleasing beschreibt Ulrike Bossmann die Tendenz mancher Menschen, es allen recht machen zu wollen. Vor allem Frauen leiden darunter, so Bossmann: Sie wollen es sich mit niemandem verscherzen, vermeiden Konflikte und achten auf die Bedürfnisse anderer. People Pleaser sind emphatische und rücksichtsvolle Menschen.


Das klingt zunächst freundlich und ist in vielen Situationen auch eine Ressource. Empathie ist nicht jedem gegeben. Rücksichtnahme und achtsamer Umgang mit den eigenen Mitmenschen ist etwas, das man vielen Menschen (sich selbst vielleicht eingeschlossen) manchmal wünscht. Nur wenige sind gerne ein rücksichtsloses A****loch.


Doch zuviel des Guten ist häufig nicht mehr gut - und genau das trifft auf People Pleaser zu. Vor lauter Rücksichtnahme verlieren sie sich selbst aus den Augen. Sie lassen sich zu viel gefallen, wehren sich nicht und artikulieren nicht, was sie brauchen und wollen. Häufig kennen sie ihre eigenen Bedürfnisse und Wünsche noch nicht einmal. Im Blick auf die Anderen haben sie sich selbst aus dem Blick verloren. In der Folge entstehen nicht selten Symptome im Bereich Depression und Burnout. Häufig ist People Pleasing mit Ängsten verbunden.



Besseres Verständnis und praktische Strategien


Bossman geht diesem Phänomen auf den Grund. In den ersten Kapiteln beschreibt sie, was People Pleaser ausmacht und in welchen biographischen Ereignissen People Pleasing seine Wurzeln hat. Sie beschreibt die negativen Folgen und bietet Schritt für Schritt Strategien an, wie man sich aus der Falle des Gefallen-Wollens befreit. Dabei gilt es zunächst, mit den eigenen Bedürfnissen in Kontakt zu kommen und mit den Erwartungen zu arbeiten, die man an sich selbst hat. Dann gilt es, die eigenen Bedürfnisse umzusetzen. Bossman bietet Kommunikationsstrategien an, mit denen People Pleaser ihre Bedürfnisse besser gegenüber anderen durchsetzen können, ohne in den offenen Konflikt zu kommen. Ihr Vorschläge sind wertschätzend gegenüber dem Problem und arbeiten nicht gegen die Harmoniebedürftigkeit, sondern mit derselben.


Insgesamt hat mir das Buch recht gut gefallen. Bossman gelingt es, einen Weg aus der Gefallen-Wollen-Falle zu weisen, der nicht ins Gegenteil verfällt. Sie predigt keine Umarmung des Konflikts. Sie möchte aus People Pleasern keine harten Kämpfer des Eigeninteresses machen. Vielmehr würdigt sie die Sorge um andere und bietet gerade in den Kommunikationsstrategien Wege an, die Rücksicht auf die Ausgangslage nehmen. People Pleasing, scheint das Buch zu sagen, ist so schlecht nicht. People Pleaser sind eigentlich tolle Menschen. Wollen sie das weiter sein, so müssen sie jedoch auch sich selbst gegenüber toll sein.


Probleme des Genres: Labeling und Barnum-Effekt


Ich fand schlüssig, was Bossmann schreibt. Dennoch hinterließ das Buch bei mir ein diffuses Unbehagen, das jedoch weniger dem Buch geschuldet ist, als vielmehr dem Genre, an dessen Regeln der Text sich anpasst. Das beginnt beim Titel. Es kann durchaus hilfreich sein, wenn Menschen sich als People Pleaser begreifen. Es kann jedoch auch das Gegenteil sein. People Pleaser ist ein catchy label. Es bleibt haften. Damit bringt es sämtliche Probleme mit sich, die so ein label mit sich bringt: Man beginnt von sich selbst in der Kategorie des People Pleaser zu reden und zu denken und sich selbst mittels des Begriffs zu überwachen.


Dabei ist es leicht festzustellen, dass das eigene Problem viel grundlegender ist, als man dachte. Aus dem relativ konkreten Wunsch, dem Partner klarer die Meinung zu sagen, kann so ein allumfassender Charakterzug werden. Plötzlich hat man ein Problem, das man nicht hatte, als man das Buch nicht gelesen hatte und den Begriff nicht kannte. Man denkt über sich nach und sagt sich immer wieder "ach, das mache ich so, weil ich ein People Pleaser bin". Hierauf zahlen auch die psychodynamischen Erklärungen ein, die Bossman bereithält. Wenn es schlecht läuft, denken die Leserinnen und Leser bald: "Ich bin halt so und war immer so (und werde immer so sein)".


Dieser Effekt wird durch die zahlreichen Übungen verstärkt, die immer wieder so formuliert sind, dass sie einen Barnum-Effekt hervorrufen: Formuliert man eine Frage oder Beschreibung nur allgemein genug, so findet sich fast jeder in ihr wieder. Wer hat nicht Angst davor, abgelehnt und zurückgewiesen zu werden? Wer hat nicht Angst davor, andere zu verletzen oder zu verärgern? Wer fragt sich nicht manchmal, wie andere Menschen auf ihn reagieren? (S.24&27). Wir alle (oder zumindest die allermeisten von uns) haben diese Ängste - manche mehr und manche weniger. Doch macht uns das zu People Pleasern?


Überforderung und eine pragmatische Paradoxie


Ein anderes Problem des Buchs rührt daher, dass Bossman Menschen, denen es schwer fällt, "Nein" zu sagen, eine ganze Batterie Anweisungen gibt. Diese bestehen teilweise aus sehr komplexen Techniken aus Therapie und Coaching. Einige dieser Techniken wende ich selbst seit langem an und weiß, dass sie unbegleitet kaum gut in Eigenarbeit. So einfach Dinge wie Erwartungskarussell und Teilearbeit klingen - will man sie richtig machen, bedarf es guter Begleitung. Zum braucht es viel Erfahrung, diese Techniken richtig anzuwenden. Zum anderen, ist es selbst für erfahrene Coaches und Therapeuten nur schwer, ihren eigenen Prozess gleichzeitig steuern und erleben zu können. Die Aufmerksamkeit ist einmal planend und rational, im anderen Fall intuitiv und assoziativ. Probiert man unbegleitet damit herum, sind die Resultate häufig kontraproduktiv. Auch Psychotherapie kann Schäden hervorrufen.


Mir scheint es daher nicht unwahrscheinlich, dass diejenigen Menschen, an die sich das Buch richtet in der Folge nicht besser auf sich selbst achten, sondern versuchen, die zahllosen Techniken richtig zu befolgen, die Bossman vorschlägt (und die alle für sich genommen im richtigen Kontext sehr gut sind). Da viele dieser Techniken jedoch für Laien kaum zu verwenden sind und zudem genau an den jeweiligen Kontext angepasst werden müssen, kann das schnell auf eine Überforderung hinauslaufen. Man möchte versuchen, alles richtig zu machen und glaubt, dass man nur die Anleitungen richtig befolgen muss, damit alles besser wird. Das gelingt jedoch nicht und in der Folge fühlt man sich schlechter als zuvor, da man es der Autorin nicht recht gemacht hat.


Damit wäre ich bei der grundlegenden Paradoxie eines Selbsthilfebuchs über People Pleasing. Wenn das Problem darin besteht, das zu machen, was andere wollen, dann kann die Lösung nicht eine Anleitung sein, die uns sagt, was wir machen sollen. Ein Selbsthilfebuch über People Pleasing läuft auf eine pragmatische Paradoxie hinaus, die in etwa lautet: Folge Deinen Bedürfnissen, indem Du tust, was ich Dir sage!


Unbestrittene Verdienste


Die Frage ist, wie groß dieses Problem in der Praxis tatsächlich ist. Vermutlich hängt es stark an den Voraussetzungen, die die jeweilige Person mitbringt. Es ist ein bisschen so, wie mit Youtube-Tutorials. Wenn ich mir ein Video über die Restaurierung eines V-8 Motors anschaue und es selbst probiere, bin ich nicht derjenige, der diesen Motor gerne anlassen oder mit dem Auto fahren möchte. Ich kenne jedoch jemand, der nach einem guten Tutorial einen solchen Motor ohne weiteres restaurieren kann. Der macht das jedoch schon seit weit über zehn Jahren als Hobby. Übertragen könnte man sagen, dass vielleicht Therapeuten und Coaches mit diesem Buch an sich selbst arbeiten können.


Hier scheint mir auch gerade der Verdienst zu liegen. Denn ich nehme für meine Arbeit unglaublich viel mit. Die Hintergründe sind gut aufgearbeitet. Die Methode sind gut kontextualisiert. Gerade das Kommunikations-1x1 am Ende des Buches hält sehr viel bereit. Ich habe es in der Beratung bereits angewandt und gute Erfahrungen damit gemacht.


Das Buch ist also in vielerlei Hinsicht hervorragend. Ich kann es Coaches, Therapeuten und Beratern nur ans Herz legen. Ob es ein gutes Selbsthilfebuch für die Zielgruppe ist, da bleibe ich skeptisch.



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